Der Papst – Fels oder Stolperstein?

Der Papst – Fels oder Stolperstein?

 

In der Taufe hat jede/r den Geist Jesu bekommen, und spätestens mit der Firmung ist jede/r auch ein mündiger Christ, der einen „direkten Zugang“ zum Vater im Himmel hat. Wozu braucht’s da noch einen (manchmal gar nicht so heiligen) „Heiligen Vater“ in Rom?!

Am besten schauen wir erstmal in der Bibel, ob Jesus irgendwas zu Päpsten gesagt hat. Dann können wir schauen, was die Kirche zum Papst sagt. Dann zeigt sich automatisch, ob das so zusammenpasst.

 

Was sagt die Bibel zu Petrus?

Die Kirche nennt den Papst immer den „Nachfolger Petri“, des Apostels Petrus. Warum? Der spannendste Text für die (Sonder-)Rolle von Petrus ist im Matthäusevangelium im 16. Kapitel: Eines Tages fragt Jesus seine Jünger, für wen sie ihn halten.

„Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Verse 16-19)

 

Ein Fels in der Brandung…

Dazu muss man wissen, dass der griechische Name Petrus „Fels“ bedeutet (von „petra“): Jesus gibt Petrus, der vorher Simon hieß, einen neuen Namen. Auf Aramäisch hat „Kephas“ dieselbe Bedeutung, deshalb wird Petrus in der Bibel auch häufiger Kephas genannt. Bei den Juden sind Namen nicht nur „Schall und Rauch“, sondern da gilt: „Nomen est Omen“ – „Der Name ist Programm“. Wenn Jesus, also Gott, dem Simon einen neuen Namen gibt, dann hat das also eine ganz große Bedeutung: Simon heißt nicht nur Petrus/ Kephas/ Fels, sondern er ist damit der Fels. Deshalb hat z.B. im Alten Testament Gott dem Abram den neuen Namen Abraham gegeben, was soviel heißt wie „Vater der Völker“ – weil Abraham im Glauben der Vater aller Juden und Christen (und Muslime) ist, die ja aus vielen verschiedenen Völkern zum Glauben gekommen sind.

Wenn ich von etwas „felsenfest“ überzeugt bin, dann ist das eine „sichere Sache“. Im Alten Testament wird deshalb Gott manchmal „Fels“ genannt, weil er zuverlässig ist – einer, auf den man bauen kann. Auch Abraham wird „Fels“ genannt. Wenn Jesus Petrus aufgrund seines Bekenntnisses also „Fels“ nennt, dann stellt Jesus ihn damit in diese Reihe: Einer, auf den man sich verlassen kann. Deshalb können selbst die „Pforten“ der Unterwelt eine Kirche nicht überwältigen, die auf den Felsen gegründet ist. Und an der Pforte, am Eingang einer Stadt standen immer die stärksten Krieger! Immerhin waren sie ja diejenigen, die zuerst „ranmussten“, wenn’s ernst wurde…

 

Die „Schlüsselfigur“

„Schlüssel zum Himmelreich“ sind bestimmt eine tolle Sache. Ich bezweifle aber, dass sie beim Papst in einem schweren Tresor von der Schweizergarde bewacht werden. Was also ist damit gemeint? Dafür müssen wir wieder ins Alte Testament schauen, wo der Jesaja prophezeit, dass Eljakim den Platz des Palastvorstehers Schebna einnehmen wird:

„An jenem Tag werde ich meinen Knecht Eljakim, den Sohn Hilkijas, berufen. Ich werde ihn mit deinem Gewand bekleiden und ihm deine Schärpe fest umbinden. Deine Herrschaft gebe ich in seine Hand und er wird zum Vater für die Einwohner Jerusalems und für das Haus Juda. Ich werde ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter legen. Er wird öffnen und niemand ist da, der schließt; er wird schließen und niemand ist da, der öffnet.“ (Kapitel 22, Verse 20-22)

Mit dem „Schlüssel des Hauses David“ ist die Stellvertretervollmacht für das ganze Königreich gemeint! Als z.B. der König Asarja krank wurde, wurde Jotam Palastvorsteher und regierte alle Bürger des Landes. Man kann hier auch schon sehen, dass Eljakim auch ausdrücklich als „Vater“ für das Volk bezeichnet wird.

Außerdem zeigt sich eine große Ähnlichkeit zur „Amtseinführung“ des Petrus durch Jesus im Matthäusevangelium: Eljakim soll öffnen, ohne dass jemand schließen kann, und schließen, ohne dass jemand öffnen kann – Petrus soll binden, sodass es selbst im Himmel gebunden ist, und lösen, sodass es selbst im Himmel gelöst ist.

Petrus wird also von Jesus zu seinem Stellvertreter, zum „zweiten Mann“ gemacht, er soll die „Bürger des Himmelreichs“ regieren. Wer schon mal mit Bürgerämtern o.ä. zu tun hatte, weiß so ungefähr, was eine Vollmacht alles bewirken kann: Man gibt einem anderen das Recht, in meinem Namen zu handeln: wichtige Dokumente abzuholen, Verträge zu unterschreiben, mein Konto zu verwalten,… Wenn also Jesus den Petrus zum „Palastvorsteher“ in seinem Königreich macht und ihm die Vollmacht gibt, zu binden und zu lösen, dann kann Petrus im Namen Jesu verbindliche Entscheidungen treffen.

 

Fast allgegenwärtig…

Aber lesen wir da nicht zuviel in diese paar Verse aus dem Matthäusevangelium rein? Nein! Im ganzen Neuen Testament finden wir Hinweise auf die Sonderrolle Petri: Immer ist er der erste, der in den Apostellisten genannt wird, bei Matthäus sogar ausdrücklich als „der Erste“/ „an erster Stelle“ (Kapitel 10, Vers 2), manchmal wird nur Petrus namentlich erwähnt (vgl. Apostelgeschichte 2,14); wo Jesus zu besonderen Ereignissen (z.B. Auferweckung der Tochter des Jairus, Verklärung, Garten Getsemani) nur drei Apostel mitnimmt, ist Petrus immer dabei.

Häufiger tritt Petrus als der Sprecher für alle Jünger auf (z.B. antwortet er für alle auf die Frage, für wen die Apostel ihn halten, s.o.), er ergreift die Initiative zur Wahl eines Nachfolgers für Judas Iskariot (Apostelgeschichte 1,15-22), er hält die Pfingstpredigt (Apostelgeschichte 2,14-36). Durch eine Vision begreift er, dass die Christen auch Heiden aufnehmen sollen (Apostelgeschichte 10,9-48), und er leitet mit seiner Autorität das sog. „Apostelkonzil“ ein, dass sich mit den Aufnahmebedingungen beschäftigt (Apostelgeschichte 15,7-11). Er ist der erste Apostel, dem Jesus nach seiner Auferstehung erscheint (Lukasevangelium 24,34) und der erste, der in Jesu Namen nach Pfingsten ein Wunder wirkt (Apg 3,1-8).

Petrus erhält persönlich den Auftrag, seine Brüder zu stärken (Lukasevangelium 22,31-32), und er, der Jesus ja verleugnet hatte, erhält trotzdem den Auftrag, die „Schafe“ bzw. „Lämmer“ Jesu zu weiden (Johannesevangelium, Kap. 21, Verse 15-17) – für Jesus, der der gute Hirte ist (Johannesevangelium 10,11). Das neue Testament erwähnt Petrus häufiger als alle anderen Apostel – zusammen!

Es scheint also in der Bibel relativ klar zu sein, dass Petrus eine Sonderrolle unter den Aposteln einnimmt, sogar eine besondere Verantwortung für die Apostel zu haben. Warum aber sollte er einen Nachfolger haben?

 

Und die Kirche heute?

Wenn Jesus die Kirche auf dem Felsen Petrus erbauen will, dann muss, solange die Kirche besteht, ein Zusammenhang mit diesem Felsen gewährleistet sein (sonst baut man ja die Kirche „irgendwo anders“ auf, nicht auf dem Fundament, das Jesus gewollt hat – und baut damit nicht die Kirche, die Jesus gewollt hat!). Die frühen Christen haben dies in der sog. „Apostolischen Sukzession“, in der ununterbrochenen Nachfolgerreihe der Apostel, gesehen. Diese wird in der Apostelgeschichte ja schon am Beispiel des Judas Iskariot demonstriert, den die Jünger auf die Initiative des Petrus hin ersetzen, wobei die Wahl auf Matthias fällt (Apostelgeschichte 1,15-26). Eine besondere Rolle, die sich im Laufe der Jahrhunderte immer klarer herauskristallisiert, hat dabei von Anfang an schon der Nachfolger Petri in Rom, wo Petrus als Märtyrer gestorben ist.

Und wenn wir glauben, dass Jesus als Sohn Gottes weiter vorausschauen konnte als nur die erste Generation seiner Jünger, wird Jesus schon auch Vorkehrungen getroffen haben, dass seine Jünger in der Einheit bleiben – wie er ja auch ausdrücklich gebetet hat (vgl. Johannesevangelium Kapitel 17, Vers 21). Selbst Paulus (der nicht immer mit Petrus einer Meinung war) bemühte sich um Einheit mit Petrus und wanderte nach seiner Bekehrung extra nach Jerusalem, um ihn kennenzulernen (Brief an die Galater 1,18). Ausdrücklich versicherte er sich per Handschlag dieser Einheit mit „den Säulen“ Jakobus, Kephas und Johannes (Brief an die Galater 2,9).

Wofür ist aber der Papst nach kirchlicher Lehre zuständig? Er ist eben vor allem „das immerwährende und sichtbare Prinzip und Fundament der Einheit“ (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 882, nach dem Konzilsdokument Lumen Gentium Nr. 23). Er bildet mit den Bischöfen, die ja alle Nachfolger der Apostel sind, ein Kollegium, eine Gemeinschaft, und ist gleichzeitig deren „Haupt“, hat den „Primat“ – den Vorsitz: Ohne seine Zustimmung, oder gar gegen den Papst kann eine Bischofsversammlung (z.B. ein Konzil) nichts entscheiden; der Papst aber hat die „volle, höchste und allgemeine Vollmacht über die Kirche“ (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 882, nach dem Konzilsdokument Lumen Gentium Nr. 21), d.h. uneingeschränkt in allen Bereichen der Kirche.

 

Wann ist der Papst eigentlich unfehlbar?

Er ist unfehlbar, wenn er ausdrücklich

  • als oberster Hirt und Lehrer aller Christgläubigen, der seine Brüder im Glauben stärkt“, d.h. also: kraft des Auftrags Jesu für Petrus („weide meine Schafe/ Lämmer“, s.o.; bzw. „stärke Deine Brüder“, s.o.),
  • „eine Lehre über den Glauben oder die Sitten“ (Sitten = Moral): d.h. also nicht dann, wenn er z.B. einen Tipp im Fußball abgibt
  • „in einem endgültigen Akt verkündet“: d.h. also selbst dann nicht, wenn er eine persönliche theologische Ansicht z.B. beiläufig in einem Gespräch vertritt, sondern nur, wenn er ausdrücklich in seiner Autorität als Papst öffentlich etwas als definitive kirchliche Glaubenslehre bekanntgibt

(vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 891; nach dem Konzilsdokument Lumen Gentium Nr. 25).

 

ABER: Macht nicht jeder Mensch mal Fehler?

Jesus hat gewollt, dass alle seine Jünger/innen, seine Kirche, seine Zeugen sind. Zeugen sollten aber wissen, wovon sie reden. Wenn die Kirche dafür da ist, Jesu Reich auf Erden zu verbreiten, indem sie den Glauben an ihn verkündet und alle Mittel (besonders die Sakramente!) zur Verfügung zu stellen, die Jesus uns gegeben hat, um ein Leben in seiner Nachfolge – ein christliches Leben – zu führen: Wie könnte Jesus dann der Gemeinschaft der Kirche nicht den Hl. Geist geben, der sie unfehlbar in seinem Zeugnis bewahrt? Und wenn er der Kirche schon ein „Amt der Einheit“, das Papsttum, gegeben hat: wird er nicht gerade den Papst davor bewahren, dass dieser das Wort Gottes und die Lehren daraus, die Sakramente, oder den Lebensentwurf für ein Leben mit Jesus – die Moral – in seiner Verkündigung verrät? Damit nicht die „Pforten der Unterwelt“ seine Kirche „überwältigen“, damit nicht „Wölfe“ die Schafe der Herde Christi reißen?

Das Papsttum ist ein Geschenk Jesu an die Gemeinschaft seiner Jünger, an seine Kirche: Dieses Hirtenamt ist die Garantie für die Einheit mit Ihm, und für die Einheit der Christen und Christinnen untereinander – zu allen Zeiten und auf der ganzen Welt.

 

 

Autor: frater Dominicus M. Armbruster OP, Dominikaner, studiert Theologie an der Universität Wien

 

Bild: Pixabay